Donnerstag, 29. Januar 2015

Autismus – Kinder in ihrer eigenen Welt

Autismus

Wie kann eine Therapie helfen?
Ein Fallbeispiel
Martin ist 5 Jahre alt. Er spricht nur vereinzelte Wörter und wacht nachts oft auf. In der Kita spielt Martin am liebsten alleine mit seinen Spielzeugautos und ist dabei vor allem vom Geräusch der Räder auf dem Boden fasziniert. Wieder und wieder lässt er die Autos über den Boden rollen. Wird er dabei von anderen Kindern gestört, reagiert Martin oft aggressiv. Er möchte sie nicht an seinem Spiel teilhaben lassen und interessiert sich auch wenig für die Spiele der anderen Kinder. Verletzt er sich bei einem seiner wütenden Ausbrüche selbst, so scheint er keinen Schmerz zu fühlen.
Martins Mutter machte sich Sorgen, vor allem wegen des aggressiven Verhaltens ihres Sohnes, und ging mit ihm in eine psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis. Dort wurde Martin körperlich untersucht, psychologisch diagnostiziert und es wurden ausführliche Gespräche mit der Mutter über die Entwicklung ihres Kindes geführt. Schließlich wurde herausgefunden, dass Martin ein Kind mit frühkindlichem Autismus ist. Mit dieser Diagnose erklären sich viele der vormals so unverständlichen Verhaltensweisen Martins. Und vor allem können er und auch seine Mutter nun passend unterstützt und gefördert werden, so dass Martin viel lernen wird, was er für die Interaktion mit der Welt um sich herum braucht.
Die Welt mit dem Blick durch die „Autismus-Brille“
Kinder mit frühkindlichem Autismus wirken oft, als seien sie in einer eigenen Welt. Sie haben Schwierigkeiten in der Wahrnehmung und so auch in der sozialen Interaktion. Kinder mit Autismus verstehen nicht, was in anderen Menschen vorgeht. Das Verhalten der anderen erscheint ihnen oft unberechenbar. Sie haben Probleme, eigene und fremde Emotionen zu erkennen und es fällt ihnen schwer, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen, da ihnen auch das Interesse daran fehlt. Martins oben beschriebenes aggressives Verhalten lässt sich so auch erklären. Er interpretiert die Annäherungsversuche der anderen Kinder falsch, fühlt sich bedroht und versucht sich deshalb zu verteidigen.
Weitere Merkmale von frühkindlichem Autismus
Oftmals liegen auch Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung vor. Martins Sprachentwicklungs-verzögerung beispielsweise erschwert seine soziale Interaktion noch zusätzlich.
Auch spezielle Interessen sind bei Kindern mit frühkindlichem Autismus typisch. Im Falle von Martin sind es dabei weniger die Spielzeugautos an sich (für die sich ja viele Kinder in dem Alter besonders interessieren), sondern vielmehr das Geräusch der Räder auf dem Boden, das ihn fasziniert und mit dem er sich wiederholt und beinahe stereotyp beschäftigt.
Dazu können noch weitere Probleme kommen, wie bei Martin die Schlafprobleme und die verminderte Schmerzempfindlichkeit.
Es gibt verschiedene Formen des Autismus
Wichtig ist bei der Diagnostik des frühkindlichen Autismus, dass die Auffälligkeiten bereits in den ersten drei Lebensjahren auftreten müssen. Ist dieses oder auch ein anderes der oben beschriebenen Kriterien nicht erfüllt, so kann es jedoch auch sein, dass eine andere Form des Autismus vorliegt.
In der Therapie kann dann durch das Schaffen von klaren Strukturen Orientierungshilfe und somit Sicherheit vermittelt werden, um die Flexibilität und Selbstständigkeit des Kindes zu fördern. Auch die soziale Interaktion kann in der Therapiegut gelernt und trainiert werden. Durch gleichzeitige Logopädie (und gegebenenfalls Ergotherapie) kann das Kind in seiner sprachlichen (und motorischen) Entwicklung gefördert werden. So können Kinder mit Autismus lernen, ihre Welt mit der Welt um sie herum zu verbinden, genauso wie auch wir lernen können, sie besser zu verstehen.
Die Autorin Lena Hasenmaile ist Erziehungswissenschaftlerin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin i. A.
Quelle: Remschmidt, H.: `Autismus – Erscheinungsformen, Ursachen, Hilfen.´, 5., überarbeitete Auflage, Verlag C. H. Beck, München 2012.

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